Der Jean von Welt Rotating Header Image

Literatur-Nobelpreis: der zweite Versuch

Eins steht fest: Auch wenn ich dieses Jahr nicht ins Nobelpreisgeschehen eingreifen konnte, dieses Ziel habe ich noch nicht aufgegeben. Um mir meinen Platz in den Geschichts- und Lesebüchern zu sichern, werde ich aber eine neue Taktikvariante ausprobieren. Neben meinem ersten Kurzroman werde ich gleichzeitig die entsprechenden Hausaufgaben erstellen, um es den Verlegern von Klett, Schöningh und Co besonders leicht zu machen, mir ein Eckchen zwischen Thomas Mann und Franz Kafka einzuräumen. Damit wird es dann auch für die faulen Deutschlehrer immer schwieriger, an mir als modernem Klassiker vorbeizukommen, wenn ich mit meiner Copy-und-Paste-Unterrichtsvorbereitung ankomme.

Hf30He63Dg12²Ob276
Creative Commons License photo credit: just.Luc

Die neunten Klassen dieser Welt werden mich lieben. Nimm Dich also in acht, Theodor Storm!

Eine Begegnung in Brimsby Manor

“Oh”, entfuhr es Julius Winterbottom leise, als er die Bibliothek betrat und Sir Archibald sah. Zusammen mit Colonel FitzWallace und Vikar Selkirk hatte er es sich in den Clubsesseln bequem gemacht und sich den Tee vor dem französischen Balkon, den die letzten Sonnenstrahlen des herbstlichen Samstagabends das Lesezimmer durchfluteten, servieren lassen.

“Das ist es”, hob der Colonel an, “was uns von diesen Franzosen unterscheidet”. Er nahm ein Gurkensandwich vom Silbertablett und schob es sich in den Mund, während der Vikar sich mit rollenden Augen auf einen Vortrag über die Vorzüge von Sherry, Gurkensandwiches und Blue Stilton gegenüber Rotwein, Baguette und Rohmilchkäse vom Festland einstellte. Auch Sir Archibald griff ungeduldig nach seiner Bruyère-Pfeife und ergab sich hilflos dem drohenden Monolog des Weltkriegsveterans mit dem Deerstalker, als er den jungen Winterbottom in der Tür stehen sah.

“Was gibt es, Julius?”, fragte er den Kammerdiener. Sir Archibald war nicht umhin gekommen festzustellen, dass Winterbottom jede Form von Kleidung abgelegt hatte.

“Ich kam gerade von den Waschräumen und wollte eigentlich zu Lady Gwendolyn.”

“Da müssen Sie sich im Stockwerk geirrt haben, mein junger Freund”, erklärte der Colonel.

“In der Tat, die Gemächer meiner Gattin befinden sich im dritten Stock. Hier befinden Sie sich im zweiten.”, ergänzte Sir Archibald. Es wunderte ihn merklich, dass ein Kammerdiener sich derart schlecht in einem Herrenhaus orientieren könne.

“Haben Sie vielen Dank.”, sagte Winterbottom erleichtert, “Wenn die Herren mich nun bitte entschuldigen möchten, ich wünsche einen angenehmen Abend.”

“Ebenso. Ich werde Sie heute nicht mehr benötigen, Julius. Danke.”

Der Vikar goss sich ein Glas Brandy ein, der Colonel begann seine Pfeife zu stopfen. Beide stimmten Sir Archibald zu, als er feststellte, es werde immer schwieriger, gutes Personal zu finden.

Lesen – Verstehen – Weiter im Text: Die Aufgaben

  1. Lies den Text mit geschlossenen Augen. Welche Bilder siehst Du?
  2. Welche Stimmung erzeugt der Autor, wenn er von den “letzten Sonnenstrahlen des herbstlichen Samstagabend” berichtet?
  3. Welche Figur ist Dir am sympathischsten? Erkläre Deine Wahl!
  4. Welche Rolle spielt Lady Gwendolyn? Warum?
  5. Warum wählt der Autor einen Vikar und einen Colonel als Nebenfiguren? Welche Rolle spielt das Werteverständnis der englischen Oberschicht bei dieser Wahl?
  6. Mit welchem Selbstverständnis nehmen die drei ihren Tee ausgerechnet in Clubsesseln ein? Analysiere dabei besonders die Rolle des Sonnenlichts! Diskutiere mit Deinem Nachbarn darüber!
  7. Erstelle eine Collage zum Thema “die Überlegenheit des Engländers gegenüber den Franzosen am Beispiel von Rohmilchkäse”!
  8. Berichte in der Klasse von Weltkriegsveteranen in Deiner Familie! Welche Rolle spielen in ihrem Leben Gurkensandwiches?
  9. In welchem Zusammenhang steht die Orientierungslosigkeit des Kammerdieners mit der Bruyèrepfeife Sir Archibalds?
  10. Bastle zu Hause eine Bruyèrepfeife.

Der Blog. Von Jean. Von Welt.  Der Blog. Von Jean. Von Welt.


4 Comments on “Literatur-Nobelpreis: der zweite Versuch”

  1. #1 o.me
    on Okt 13th, 2008 at 21:50

    :-D DD eine collage. herrlich!
    mit geschlossenen augen war schwierig, und dunkel. draußen ist es auch dunkel, daher weiß ich nicht, wie die sonnenstrahlen aussahen. am sympathischsten bin ich mir selbst, aber das gehört hier nicht her^^

    vielleicht solltest du eine referendariat an der örtlichen mittelschule starten?!

  2. #2 Jean
    on Okt 14th, 2008 at 09:47

    Ich wünschte, hochverehrter o.me, Sie wären im Nobelkomittee. Denn Sie, o.me, sind mir persönlich auch am sympathischsten und meine letzte Rettung, bevor ich anfangen muss, schwedisch zu lernen.

    Ich hoffe doch sehr, eines Tages ihre Collage sehen zu dürfen. Haben Sie auch Maccaroni eingesetzt, um einen plastischen Trompe-L’oeil-Effekt zu erzielen?

    Stets Ihr Bewunderer

    der Jean.

  3. #3 o.me
    on Okt 14th, 2008 at 19:16

    ich weiß, dass es einen unterschied zwischen gurken und zucchinis gibt, aber was trompe-l’oeil ist, weiß ich nicht *schnüff* ich befürchte daher, dass meine collage ewig dauern wird.

  4. #4 Jean
    on Okt 14th, 2008 at 19:55

    Bei einem Trompe-l’oeil geht es darum, einen Eindruck von Dreidimensionalität zu erzeugen. Und was gäbe es schöneres, als Ihre Collage mit einem optischen Effekt zu unterlegen?

    Ich für meinen Teil vergehe vor Spannung.

    Verbindlichen Gruß

    der Jean.

Leave a Comment