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Pfeifersucht

Es ist – wie bereits erwähnt – nie ganz einfach, nach einer längeren Unterbrechung wieder anzufangen zu bloggen, als sei nichts gewesen. Heute aber fällt der Neustart besonders schwer, weil als vorläufig letzter Beitrag dieses Blogs ein vernichtendes Urteil über die gesellschaftliche Relevanz des Bloggens stand; wie also beginnen, ohne darüber hinweg sehen zu können, dass das, was man schreibt, keine tiefgreifende Veränderungen im Kulturbetrieb innerhalb des Geltungsbereichs des Grundgesetzes hinterlassen wird?

Freilich könnte ich versuchen, dem Spiegel den Spiegel vorzuhalten oder ihm als Relevanzweltmarktführer nachzueifern und über in Flammen aufgegangene Festivalaborte, Wetzlarer Fesselspiele oder einen Zeckenüberfall auf eine einundvierzigjährige Italienerin berichten. Die Schlagzeile “Urlaubshorror: Fährpassagierin von Kopf bis Fuß mit Zecken übersäht”, über die ob ihrer schlichten Splatter-Poesie im Feuilleton noch zu sprechen sein wird, ist bereits geschrieben und ich zweifle, dass ich aus meiner Arbeitszimmerecke in Saarbrücken mit Blick ins Grüne zu einem Online-Leitmedium tauge; und überhaupt: wenn ich Journalist hätte werden wollen, wäre ich einer geworden.

Nein, wenn ich etwas Relevantes tun will, gehe ich zur Arbeit und gieße meine Verärgerung darüber, dass der Mandant von seinem vorherigen Rechtsanwalt nach Strich und Faden beschissen wurde, in etwas, wo sie hingehört: Eine Klageschrift. Es wird die beiden geneigten Leser gleichermaßen erstaunen und freuen zu hören, dass ich meine Freude an meinem erlernten Beruf wiedergefunden habe. Und das fast noch rechtzeitig vor der heißen Lernphase zum zweiten Staatsexamen.

Und da es so langsam Zeit wird, sich Wissen, Kenntnisse und Fertigkeiten für diese letzte Hürde vor dem Abschluss meiner Berufsausbildung anzueignen, habe ich an einem Samstagabend vor ein paar Wochen mit vorbereitenden Übungen begonnen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich in meinem beängstigend schnell steigenden Alter immernoch zum Lernen in der Lage bin; daher beschloss ich, mit etwas vermeintlich leichtem zu beginnen, um meine Lernfähigkeit langsam wieder an die Leistungsfähigkeit heranzuführen, die sie hatte, als mein Tagwerk noch im Durchforsten der Trivia-Sektionen von Wikipedia-Artikeln bestand.

Ich hatte gerade die Olympiaqualifikation der Basketball-Herren gesehen und mich dabei ertappt, wie ich Dirk Bauermann um seine Fähigkeit, unter Zuhilfenahme seines Mundes, zweier Finger und eines erheblichen Lungenvolumens die Aufmerksamkeit der Spieler sicherzustellen, beneidete. Da ich ein Mensch bin, der sich gern der Aufmerksamkeit anderer Menschen versichert und große Ambitionen hegt, entschied ich mich, mein Leben und den Abschnitt “besondere Fähigkeiten” meines Lebenslaufes um das Pfeifen auf zwei Fingern zu bereichern. Da weder ich Dirk Bauermann noch Otto Rehagel zur Hand hatte, dafür aber sechs Megabit Internet, machte ich youtube zu meinem Lehrmeister.

Dort fand ich neben anschaulichen Exempeln der Vorzüge des Pfeifens, die meinen Willen, diese hohe Kunstfertigkeit zu erwerben, auch sehr hilfreiche Anleitungen. Offenbar bin ich nicht der erste, der mit dieser Methode ein neues Leben zu beginnen versuchte.

Als Intellektueller fand ich es allerdings auch wichtig, mir die theoretischen Kenntnisse anzueignen. Hierbei war die Wikipedia hilfreich, der ich entnahm, dass auf den Kanarischen Inseln, in China und Mexiko regelrechte Pfeifsprachen existieren, dass man im Mittelalter glaubte, der Teufel verständige sich pfeifend (und dass es in der österreichischen Oberschicht eine lebhafte Kunstpfiffszene gab und gibt, deren letzte Ikonen Jeanette Baroness Lips von Lipstrill (geboren als Rudolf Schmid) und Bobbejaan waren.

Der Anfang war schwer, feucht und atemintensiv. Als wäre ich in meine tiefste orale Phase zurückgekehrt, steckte ich den größten Teil meiner Finger in den Mund, blus meine Finger schrumpelig und meinen Kreislauf an die Grenzen seiner eingeschränkten Belastbarkeit. Aber mein Wille war ungebrochen und ich suchte die Entscheidung.

Hoch ist hier die beste aller denkbaren Freundinnen zu preisen, die die jämmerlichen Winde, die mein befingertes Maul ausstieß, mit einer unvergleichlichen Gelassenheit erduldete und mich in den kurzen Momenten lobte und anspornte, in denen tatsächlich Pfeiflaute meinen arg verzerrten Rachen verließen.

Meine Mühen und die Geduld der besten aller denkbaren Freundinnen wurden schließlich belohnt. Ich pfeife mittlerweile in drei verschiedenen Techniken so sicher, dass ich mich nur noch nach Gelegenheiten sehne, in denen mein Pfeifen gebraucht wird. Dabei ist nicht gerade hilfreich, dass ich nicht plane, mir einen Hund zuzulegen, ich bereits eine Freundin habe und es mir zu jeder Trainertätigkeit an ergänzend hilfreichen Fachkenntnissen fehlt. Vielleicht sollte ich das Referendariat um des Pfeifens Willen aufgeben und mir auf dem Bau eine Stelle suchen. Vielleicht pfeife ich demnächst aber auch kunst.


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1 Comment on “Pfeifersucht”

  1. #1 o.me
    on Aug 15th, 2008 at 11:14

    und wo sind nun deine pfeikünste zu bewundern? bitte doch mal die beste aller freundinnen zur kamera zu greifen

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