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Wir sind wieder niemand

Wenn man dem online-Spiegel glauben darf, ist der Hype vorbei. Bloggen ist eine Randgruppensportart wie Pfahlsitzen und Fernschach und ebenso spannend. Zumindest in Deutschland, wo man offenbar keine alternativen Nachrichtenquellen braucht und keiner der pickeligen, leicht untersetzten Jungs mit Brille und komischer Stimme auch nur Anstalten macht, einen handfesten Politskandal aufzudecken. Und im Gegensatz zu den USA, in denen die Blogger sich daran machen, dem australischen Propagandakonsortium “Fox” das Wasser abzugraben, haben die Deutschen Sesselfurzerblogs nichts besseres zu tun, sich als “Schweinchen Schlau”, “Gehirnfaster” und “Korinthenkacker” zu titulieren.

Zuzustimmen ist jedoch der implizit geäußerten These, wonach die größte Schwäche aller Blogger darin liegt, keinen syntaktisch korrekten Satz auf die Reihe zu bekommen; insbesondere das Spiel auf der Punktuationsklaviatur ist die Achillesferse aller Blogger. Die monokulturartige Verkümmerung des Bloggerwortschatzes und der aus Bloggerköpfen nicht herauszubekommende Fehlvorstellung, Satzzeichen träten immer in Dreiergruppen auf, ergänzen den desolaten Eindruck, den Weblogs in auch formaler Hinsicht bieten. Im Ergebnis ist der Vorwurf insoweit zu erweitern, als wenige Webpoeten über adäquate Kenntnisse der paläohellenischen Sagenwelt und insbesondere in der Verwendung von Blankvers und der Gottschedt’schen Lehren der Dramatik verfügen.

Schon ärgerlich, wenn der Hype um Weblogs, den man so mühsam herbeigeschrieben hat, nur unpolitischen, selbstbezogenen, rechthaberischen und unprofessionellen Mist hervorbringen. Das können die Herrschaften vom onlineSpiegel immer noch am besten. Und so bleibt festzustellen, dass die meisten Blogs über sich selbst schreiben, anstatt über die peinliche zweimal-das-gleiche-Outfit-Aktion von Prinzessin Schieß-mich- und-meinen-inzestgebeutelten-Genpool-tot von Irgendwoinnordwesteuropa eine tagelange Diskussion loszutreten.

Vielleicht ist es die über Jahrhunderte – zumindest aber seit 1848 gepflegte Revolutionsintoleranz der Deutschen, die es ihnen unmöglich macht, ihre Regierung aus dem Amt zu schreiben. Vielleicht ist in der Bundesrepublik noch nicht genug faul, als dass man es im Internet bereits röche. Möglicherweise aber ist die deutsche DNA aber auch einfach eher auf Fußballweltmeisterschaften, Wurst, Weltkriege und die Wikipedia ausgelegt als auf hochpolemische Blogs à la Perez Hilton und daran Schuld, dass viele Blogger lieber eine Youtube-Freakshow aufziehen.

A propos:

(via nerdcore)

Zur Strafe werde ich den Spiegel in den nächsten zwanzig Minuten nicht mehr aktualisieren, wenn ich es durchhalte.


Der Blog. Von Jean. Von Welt.  Der Blog. Von Jean. Von Welt.


1 Comment on “Wir sind wieder niemand”

  1. #1 o.me - unfassbare eigenschaft
    on Jul 22nd, 2008 at 20:44

    [...] ein beispiel gefällig? auch er hat eine meinung zum spon-artikel, die schon mit den ersten beiden sätzen so vieles sagt, was man besser wohl nicht ausdrücken kann: klick [...]

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